Geld hilft gegen Armut
Was nach einer selbsterklärenden Aussage klingt, scheint dennoch als Studienergebnis immer wieder zu überraschen: Zur Verfügung gestelltes Bargeld zeigt in Ländern mit einer hohen Armutsrate eine deutliche Reduktion von Kindersterblichkeit und Hunger.
Die Aussage scheint simpel und ist offenbar dennoch höchst umstritten: Indem man armen Menschen Geld gibt, kann ihre Armut verringert werden. Diese Erkenntnis zeigte sich in einer Langzeitstudie eines Forschungsteams der Universität Oxford und der UC Berkeley [1]. Das Team verfolgte die Entwicklung der Kindersterblichkeit während eines Projekts, das von der Organisation “GiveDirectly” durchgeführt wurde. GiveDirectly experimentiert mit den Auswirkungen von unterschiedlichen Formen von Bargeldzahlungen, hauptsächlich in Ländern mit hoher Armutsrate. Ein Experiment zur Auszahlung eines bedingungslosen Grundeinkommens in ausgewählten Dörfern in Kenia zeigte bereits vielversprechende Erfolge.
Einmalzahlungen vor und nach der Geburt konnten die Sterberate von Säuglingen reduzieren
Bei diesem Projekt handelte es sich um Einmalzahlungen in der Höhe von 1.000 USD an 10.500 zufällig ausgewählte Haushalte in Kenia. Die Effekte waren einschneidend: Vor allem bei schwangeren Frauen, die das Geld während der Schwangerschaft erhielten, führte der Betrag dazu, dass die Sterblichkeit der neugeborenen Kinder um fast die Hälfte sank. Mit dem Geld wurde eine bessere medizinische Versorgung vor und während der Geburt sichergestellt, außerdem konnten die Frauen es sich leisten, während der Schwangerschaft weniger zu arbeiten und sich stärker zu schonen. Dadurch wurde wieder bestätigt, dass Armut die häufigste Ursache für Kindersterblichkeit ist [2]. Auch auf ältere Kinder hatten die Bargeldzahlungen deutliche Auswirkungen. In vielen Fällen nutzten die Familien das erhaltene Bargeld, um mehr Essen für ihre Kinder zu kaufen, sodass 44% weniger eine Mahlzeit auslassen mussten. Erstaunlicherweise hatte die Zahlung von Bargeld sogar mehr Einfluss auf die Kindersterblichkeit als andere Hilfsmaßnahmen, wie die Verteilung von Moskitonetzen oder die Durchführung von Impfungen.
Und nach der Einmalzahlung?
Die Einmalzahlung hat also offensichtlich bereits viele positive Auswirkungen. Für viele Familien in Kenia entsprechen diese 1000 USD etwa einem halben Jahresgehalt, mit dem die finanzielle Situation für eine längere Zeitspanne deutlich verbessert werden kann und vor allem bei seltenen Ereignissen wie einer Geburt helfen. Das Forscherteam stellte allerdings auch fest, dass die Situation einige Zeit nach der Einmalzahlung, wenn alles Geld aufgebraucht war, wieder vergleichbar war mit der vor der Zahlung, bzw. mit Familien, die kein Geld erhalten hatten. Das Team schlug vor, stattdessen regelmäßig kleinere Beträge auszuzahlen, um die Vorteile langfristig erhalten zu können. Einmalzahlungen sind also hilfreich, ein bedingungsloses Grundeinkommen ist besser!
Und bei uns?
Geld hilft also bei armen Familien in Kenia gegen Armut. Könnte man dann also die Vermutung anstellen, dass Geld auch bei armen Familien in Österreich hilft? Oder noch gewagter: Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde allen Menschen in Österreich (und überall sonst auf der Welt) zu Gute kommen, weil niemand Angst vor Armut haben müsste?
Tatsächlich scheinen wir uns gerade mit Maßnahmen, wie der Bezahlkarte für Geflüchtete, auf einem entgegengesetzten Weg zu befinden. Aus Angst, die Menschen könnten das Bargeld für Dinge ausgeben, die für sie wichtig sind, wird es ihnen vorsichtshalber ganz gestrichen. So bleibt nur die Hoffnung, dass Studienergebnisse wie dieses es irgendwann doch schaffen, dass wir uns auf die Tatsache einigen können: Gegen Armut hilft nur Geld!
[1] Walker, Shankar, Miguel, Egger, Killeen: Can Cash Transfers Save Lives? Evidence from a Large-Scale Experiment in Kenya, August 2025
[2] Moser, Ichida: Economic Growth and Poverty Reduction in Sub-Saharan Africa, August 2001