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First person perspektive auf eine hochgehaltene Lupe in der eine Glühbirne vergrößert ist. Um die Lupe krümmen sich die Worte "A closer look"
geschrieben von Andreas Lechner

In diesem Blog-Artikel durchleuchten wir die konträren Narrative von wissenschaftlichen Studien und Medien zum finnischen Grundeinkommen-Experiment. 

Der zeitliche Druck, die politischen Meinungsverschiedenheiten und die begrenzten finanziellen Ressourcen stellten Herausforderungen für das Experiment zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) in Finnland dar. Am Ende war das Experimentdesign stark entkernt und konzentrierte sich nur noch auf (Langzeit-) Erwerbsarbeitslose, wodurch seine Reichweite und Aussagekraft eingeschränkt wurde. Was genau alles bereits bei der Vorbereitung schief lief, wurde schon im ersten Teil dieser Recherchereihe aufgearbeitet.

Trotz der zahlreichen Hürden, die die Politik den Forschenden in den Weg gelegt hat, gab es erstaunliche statistisch signifikante Erkenntnisse[1] über die Auswirkungen auf die Arbeitsbereitschaft und das Wohlbefinden der BGE-Bezugspersonen:

  • Weniger Depressionen und gesteigerte mentale Gesundheit

Während der Laufzeit des BGE-Experiments konnte ein signifikanter Einfluss auf die mentale Gesundheit festgestellt werden. In der Bezugsgruppe berichteten nur 1/5 der Teilnehmer von mehrwöchigen Depressionen, im Vergleich zu 1/3 in der Kontrollgruppe.

  • Steigerung der Lebenszufriedenheit und Verringerung von Einsamkeit

Diese positiven Veränderungen sprechen für die positiven sozialen Effekte des BGE. Das BGE scheint nicht nur finanzielle Sicherheit zu bieten, sondern auch das allgemeine Wohlbefinden zu steigern.

  • Höhere kognitive Leistungsfähigkeit

Eine weitere bemerkenswerte Beobachtung war eine gesteigerte kognitive Leistungsfähigkeit in der Bezugsgruppe. Am wahrscheinlichsten ist dies auf Verringerungen von finanziellen Sorgen und bürokratischen Hürden bei der Sozialhilfe zurückzuführen. Dies korreliert auch mit den Ergebnissen einer großangelegten Studie[2] in Indien, wo die IQ-Punkte von Landwirten vor und nach erfolgreichen Ernten um bis zu 14 IQ-Punkte schwankten.

Zuverlässige Zahlungen als Schlüssel

Es ist wichtig anzumerken, dass diese positiven Effekte trotz der niedrigen Höhe von 560 Euro pro Monat und der begrenzten Laufzeit von Anfang 2017 bis Ende 2018 beobachtet wurden. Dies deutet darauf hin, dass die Zuverlässigkeit der Zahlung eine entscheidende Rolle spielt. Dieselben Effekte konnten auch bei kleinen Pensionen beobachtet werden, welche durch die Sicherheit, regelmäßige Zahlungen zu erhalten, das Wohlbefinden und die Lebensqualität erheblich beeinflussten[3].

Insgesamt zeigen diese Ergebnisse, dass das BGE nicht nur finanzielle Stabilität bietet, sondern auch das psychische Wohlbefinden, die Lebenszufriedenheit und sogar die geistige Leistungsfähigkeit positiv beeinflussen kann. Dies sind wichtige Erkenntnisse, die in der öffentlichen Debatte nicht fehlen sollten. Werfen wir nun also einen Blick auf die Aufarbeitung des finnischen BGE-Experiments in den Medien.

(Dis)Kurssetzung der Medien

Vor allem in der Zeit zwischen dem Ende des Experiments und der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse gab es sehr viel negative Berichterstattung. Die reichweitenstarke Welt etwa sah im BGE-Versuch eine Warnung für die Politik, Menschen nicht zu manipulieren. Das Magazin t3n titulierte, dass das Experiment „vorerst gescheitert“ wäre. Auch der Business Insider wählt diese Schlagzeile, obgleich er im Fließtext dann differenzierter vorging. Schlussendlich berichtete sogar die Tagesschau am 7. Mai 2020: „Grundeinkommen-Experiment: Finnen ziehen ernüchtert Bilanz“. Alle diese Schlagzeilen betrachteten nur die, zwar vorhandene, aber kaum merkbare Steigerung der Beschäftigung. Diese voreilige Stigmatisierung zeigte Wirkung. Selbst als die finalisierten Studien erschienen sind, war in den Köpfen vieler Menschen das Experiment bereits gescheitert. Im Verein werden wir öfters mit dieser Fehleinschätzung konfrontiert. Zum Beispiel im Mai 2022 bei einer Podiumsdiskussion zum BGE in Graz oder in der Barbara Karlich Show im März 2024, beide Male wurde das finnische Experiment als Negativbeispiel angeführt.

Maheba Tort vom deutschen Verein Mein Grundeinkommen beobachtete den damaligen Diskurs. Sie meint, dass sich früh ein Tenor festsetzte: „Das Experiment habe sich nicht gelohnt“. Diese Diskursverzerrung fand sogar Beachtung in der Wissenschaft, so beanstandete Widerquist in einer Analyse etwa, „dass die Ergebnisse des Experiments von politischen Entscheidungsträgern und Massenmedien, die auf der Suche nach sensationellen Nachrichten sind, oft aus dem Kontext gerissen, vereinfacht und falsch dargestellt werden“[4].

Fazit

Die finanzielle Sicherheit, die das BGE bietet, scheint einen positiven Effekt auf das physische und psychische Wohlbefinden zu haben. Angesichts der Tatsache, dass mentale Gesundheitsprobleme in unserer heutigen Gesellschaft weit verbreitet sind, ist dies eine ermutigende Erkenntnis.

Dennoch haben sich Medien noch vor nennenswerten Ergebnissen bereits auf einen negativen Experimentausgang eingeschossen und so den Diskurs negativ geprägt. Der Fokus wurde auf Anreize, die die Beschäftigung erhöhen, gelegt und die Auswirkungen auf das Individuum ignoriert. Was die Medien auf der Suche nach einer griffigen Schlagzeile dabei übersehen haben, sind die zahlreichen positiven Effekte auf Bezugspersonen.

Eine letzte Erkenntnis des Experiments, die noch genannt werden will, ist die, dass durch einen BGE-Bezug das Vertrauen der Menschen in die eigenen Fähigkeiten, in staatliche Institutionen und in die Zukunft messbar zunahm. In unserer heutigen Gesellschaft, in der die Realitäten immer weiter auseinanderdriften, würde dieser eine Benefit das BGE bereits erstrebenswert machen.

Quellenangaben:
  1. Simanainen, M.; Tuulio-Henriksson, A. (2021): Subjective health, well-being and cognitive capabilities. In: Kangas, O.; Jauhiainen, S.; Simanainen, M. und Ylikännö, M. (Hg.): Experimenting with Unconditional Basic Income. Lessons from the Finnish BI Experiment 2017-2018. Cheltenham, UK: Edward Elgar Publishing, S. 73-78.
  2. Mani A, Mullainathan S, Shafir E, Zhao J. (2013) Poverty impedes cognitive function. Science. 341(6149), S.976-80. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23990553/ 
  3. Forget, E. L. (2011): The town with no poverty: the health effects of a Canadian guaranteed annual income field experiment. In: Canadian Public Policy 37, 3, S. 56.
  4. Widerquist, K. (2018), A Critical Analysis of Basic Income Experiments for Researchers, Policymakers, and Citizens, Cham: Palgrave.
Andreas Lechner

Andreas Lechner

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