Weltkongress zum Grundeinkommen in Finnland

  • Dienstag, 18. September 2018

Im Land der tausend Seen, wo zwei mit 18m Höhenunterschied einander fast berühren, liegt eingezwängt dazwischen Tampere. Dort nutzte 1865 ein Unternehmen namens Nokia diesen Umstand zur Wasserkrafterzeugung und begründete die lokale Papierindustrie.

2018 fand Ende August an der Universität von Tampere eine andere Form von Papiererzeugung statt. Der Grundeinkommens-Weltkongress von B.I.E.N tagte mit etwa 300 Gästen aus aller Welt ausschließlich zum Thema Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE). Es war ein lebhafter Austausch zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik, der von Herzlichkeit und dem Geist des gemeinsamen Anliegens geprägt war.

Grundeinkommen in den nordischen Ländern

Man erfuhr, dass die nordischen Staaten viel über das Grundeinkommen nachdenken, weil sie bemerken, dass ihre traditionellen Sozialsysteme schlecht auf eine Arbeitswelt im Wandel reagieren. Wie sichert man Lebensrisiken ab, die sogar fleißige, gebildete, junge und risikobereite Menschen treffen? Wie funktioniert Gesellschaft, wenn gut bezahlte Erwerbsarbeit zur Mangelware wird? Nun, wir vermuten es: mit einem ausreichend hohen und vor allem bedingungslosen Grundeinkommen.

Der Kongress diente weniger der Überzeugung der angereisten Gäste aus aller Welt, sondern dem Informationsaustausch, wo gemachte Beobachtungen die eigenen Ideen verfeinern könnten.

Ovind Steensen aus Norwegen sprach in Analogie zur MeeToo-Debatte über das BGE. Es ginge nicht in erster Linie darum, Fehlverhalten zu strafen, sondern ein Umfeld zu schaffen, in dem Machtmissbrauch schwer ist. Auch müssten Erzählungen, dass Norwegens Reichtum das Öl sei, aufgedeckt werden. Reichtum ist vielmehr in Menschen zu sehen, die wissen, wie Öl gefördert und zum Wohl der Gesellschaft verarbeitet werden kann. Venezuela etwa besitzt viel mehr Öl als Norwegen. Grundeinkommen ist so betrachtet eine Hauptressource eines jeden Landes, weil es Menschen leichter kooperieren lässt.

Forscher zum Grundeinkommen

Rutger Bregman, bekannter Historiker aus den Nieerlanden, meinte, dass News-Medien der natürliche Feind des Grundeinkommens sind. In Nachrichten erfahren wir die ungewöhnlichen Dinge - “Mann beißt Hund” - und da Menschen meist hilfsbereit sind, kommen in Nachrichten nur Ausnahmen zu Schlagzeilen. Mit dem aus Zeitungen extrapolierten Menschenbild führt ein Grundeinkommen regelmäßig zu Horrorvorstellungen. Laut Bregmann wäre es daher zielführender, die pragmatische Sicht einzunehmen und konservative Begriffe zu verwenden: "Armut ist ineffizient, sie kostet zu viel und bringt wenig." Oder: "Risikokapital für die Bürger einsetzen, damit sie ihr Leben eigenverantwortlich gestalten."

Walter v. Trier (Uni Ghent) findet, dass Grundeinkommen die unterschiedlichen Lebensphasen von Hausarbeit, Familie, Erwerb, Pension, Bildung, Pause, …wesentlich leichter abwechseln lässt. Heutige Vorstellungen von Organisation zielen ausschließlich auf Produktivität. Er zitierte den Philosophen Zlavoj Zizek „Wir können uns das Ende der Welt vorstellen, aber nicht das Ende des Kapitalismus“.

Viele weitere Impulse von Guy Standing, Hilde Latour, Karl Widerquist, Jamie Cooke, Sarath Davala und Wolfgang Strengmann Kuhn führen zu der ähnlichen Conclusio: Von Island bis Indien, von Alaska bis Australien, von Brasilien bis zum Baltikum scheint klar, es gibt keine bessere positive Vision für die Menschheit, als die Existenz seiner Mitmenschen bedingungslos zu gewähren und somit den bislang größten Grad an Freiheit zu erlangen.

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(Foto v.l.n.r. Philippe v. Parijs, Olli Kangas, Evelyn Forget)
Foto (Tampere): L-BBE