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Der Arbeitsmarkt und die BGE-Hängematte

veröffentlicht - 25. September 2023
Künstliches Bild mit einem jungen Mann mit Anzug und Krawatte und Sonnenbrillen in einer Hängematte zwischen Palmen vor dem Meer bei Sonnenuntergang umgeben von Laptop und Kaffeetassen
geschrieben von Andreas Lechner

Wer arbeitet noch, wenn jeder ein Grundeinkommen hat? Ein wissenschaftlicher Einblick in die Realität der Grundeinkommensdebatte.

In einer großangelegten Umfrage gaben nur 8% der Befragten an, bei einem BGE nicht mehr hackeln zu gehen. Ironischerweise glaubten hingegen 44% in derselben Umfrage, dass die meisten anderen Menschen nach der Einführung nichts mehr anpacken, aber dafür die BGE-Hängematte auspacken werden. Diese Umfrage zeigt eindrücklich, wie sehr subjektive Wahrnehmung und Realität auseinander gehen können, weshalb konkrete Daten in jedem Diskurs so wichtig sind.

Bessere Einblicke in die durchaus positive Realität können uns ausgerechnet die zwei BGE-Experimente liefern, die von BGE-Kritikern oft benutzt werden, um dieses faule Menschenbild zu bestätigen – das finnische Experiment von 2016-2018 und das der Vereinigten Staaten und Kanada von 1968-1978. Beides sind randomisierte und kontrollierte Studien, was so viel heißt wie, dass die Personen zufällig ausgewählt wurden und es eine andere Gruppe mit gleichen Ausgangssituationen gab, die kein BGE bekam, wodurch man sie mit der BGE-Gruppe vergleichen kann. Solche Studien sind quasi der Goldstandard in der Wissenschaft, weshalb sie uns eine fundiertere Idee davon geben können, ob sich Menschen, deren Existenz gesichert ist, auf die faule Haut hauen würden.

I. Daten aus den amerikanischen Experimenten1

In den USA und Kanada kamen um 1970 Menschen nahe der Armutsschwelle in den Genuss eines BGEs. Eine statistische Zusammenfassung dieses riesigen Datenberges zeigt einen Rückgang der wöchentlich geleisteten Arbeitsstunden um 0,5 bis 4 Stunden, was einer relativen Reduzierung der Erwerbsarbeit um 5 bis 7,9% entspricht. Das heißt, dass die Menschen auf den ersten Blick tatsächlich weniger gearbeitet haben, allerdings sind diese Daten nicht eindeutig aus mehreren Gründen:

  • Erstens wurden hauptsächlich die Daten von Menschen nahe oder unter der Armutsgrenze gesammelt, also von jenen, die den größten Unterschied in ihrer Lebenssituation hätten. Daher ist die tatsächliche Reduzierung bei einer landesweiten Einführung wahrscheinlich geringer – möglicherweise um bis zu einem Drittel, wie Computersimulationen zeigen.

  • Zweitens wurden keine Anpassungen für die geringere Verfügbarkeit von Arbeitskräften berücksichtigt. Eine Verringerung des Arbeitsangebots könnte wahrscheinlich zu einem Anstieg der Löhne führen, was wiederum mehr Menschen dazu veranlasst, sich einen Job zu suchen.

  • Drittens gab es kaum Unterschiede zwischen der Gruppe, die das BGE erhielt, und der Kontrollgruppe in Bezug auf Kündigungen. Der Hauptunterschied bestand darin, dass die Arbeitsstunden reduziert wurden, nicht die Anzahl der Menschen, die arbeiten gehen.

  • Schließlich gab es auch erhebliche geschlechtsspezifische Unterschiede. Der Rückgang der Arbeitsstunden bei Männern war geringfügig, während die deutlichsten Reduzierungen bei Hausfrauen und alleinerziehenden Müttern auftraten, was auf ihre bereits geringere Arbeitszeit zurückzuführen ist. Reduziert jemand von 20 auf 16 Stunden macht das prozentual mehr aus als wenn jemand von 40 auf 36 Stunden reduziert.

II. Daten aus dem finnischen Experiment2

Das finnische Experiment von 2016 ist um einiges jünger und fokussierte sich ausschließlich auf (Langzeit-)Arbeitslose, welche bedingungslose 560 € bekamen - andere Sozialleistungen wurden um diesen Betrag gekürzt. Obwohl dieser Feldversuch oft als Beweis der Hängematten-Theorie erwähnt wird, verzeichnete es eigentlich einen Anstieg der Erwerbstätigkeit, sprich mehr Menschen gingen arbeiten! Eine Untersuchung der Datenbasis zeigte, dass die BGE-Gruppe um immerhin 2% mehr hackelte als die Kontrollgruppe. In einer Querschnittsstudie lag der Unterschied sogar bei 7%. 

Warum wird das Experiment also von Kritikern als Negativbeispiel verwendet? Die finnische Regierung wollte in erster Linie eine Möglichkeit finden, wie sie (Langzeit-)Arbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt eingliedern kann. Da der Unterschied zwischen den beiden Gruppen, wenn auch positiv, nicht groß genug war, wurde es von der Regierung als „Misserfolg“ deklariert.

III. Weitere Einflüsse auf den Arbeitsmarkt

Die besprochenen BGE-Versuche zeigen demnach, dass sich an der Anzahl der Menschen, die hackeln gehen, wenig ändern wird. Wohlgemerkt, die besprochenen Studien werden als “Beweise” für das BGE-Hängematten-Theorem herangezogen. Es gibt noch zahlreiche andere Studien bzw. Experimente, die eine positive Entwicklung, oder nur eine geringe Reduzierung der Erwerbsarbeitsstunden zeigen3 und darüber hinaus auch noch andere Korrelationen mit dem Arbeitsmarkt feststellten. 

Wissenschaftler haben etwa einen Zusammenhang zwischen Selbstvertrauen und Vertrauen ins System auf der einen Seite und Erwerbsarbeit auf der anderen entdeckt4. Die Menschen, die in Erwerbsarbeit stehen, zeigen die höchsten Werte in beiden Bereichen, sie sind selbstsicherer und haben ein höheres Vertrauen in staatliche Institutionen. Am zweitbesten schneiden BGE-Bezugspersonen ohne Erwerbsarbeit ab, während nicht BGE-beziehende Erwerbsarbeitslose die schlechtesten Werte aufweisen. Das zeigt, dass Arbeit für uns Menschen ein wichtiges sinnstiftendes Unterfangen ist, auch dann noch, wenn unser Bier und Schnitzel gesichert wären.

Des Weiteren gab es zwischen den Experimenten noch einen interessanten Zusammenhang von Erwerbsarbeit und Bildung, den ich euch nicht vorenthalten will. Demnach konnte in den längeren amerikanischen Experimenten festgestellt werden, dass sich das BGE sehr positiv auf die Aus- und Weiterbildung bei Kindern und Erwachsenen auswirkt5. Währenddessen hat das finnische Experiment gezeigt, dass Menschen höherer Bildungsschichten generell eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit hatten, einen Job zu finden6. Dadurch kann man darauf schließen, dass ein BGE langfristig sehr positive Auswirkungen auf den Bildungsgrad und damit auch auf die Beschäftigung sowie internationale Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft hat.

 
Quellen:

  1. Widerquist, K. (2018): A Critical Analysis of Basic Income Experiments for Researchers, Policymakers, and Citizens. Basingstoke, UK: Palgrave Macmillan, S. 44-50.
  2. Ylikännö, M.; Kangas, O. (2021): Basic income and employment. In: Kangas, O.; Jauhiainen, S.; Simanainen, M. und Ylikännö, M. (Hg.): Experimenting with Unconditional Basic Income. Lessons from the Finnish BI Experiment 2017-2018. Cheltenham, UK: Edward Elgar Publishing, S. 61
  3. Haigner, S.; Höchtl, W.; Jenewein, S.; Schneider, F.; Wakolbinger, F. (2012): Keep On Working: Unconditional Basic Income in the Lab. In: Basic Income Studies 7, 1. https://www.researchgate.net/publication/264888555_Keep_On_Working_Unconditional_Basic_Income_in_the_Lab, zuletzt geprüft am 20.09.2023.
  4. Kangas, O,; Ylikännö, M.; Niemelä, M. (2021): Trust, capabilities, confidence and basic income. In: Kangas, O.; Jauhiainen, S.; Simanainen, M. und Ylikännö, M. (Hg.): Experimenting with Unconditional Basic Income. Lessons from the Finnish BI Experiment 2017-2018. Cheltenham, UK: Edward Elgar Publishing, S. 129-131.
  5. Widerquist, K. (2018): A Critical Analysis of Basic Income Experiments for Researchers, Policymakers, and Citizens. Basingstoke, UK: Palgrave Macmillan, S. 50-51.
  6. Ylikännö, M.; Kangas, O. (2021): Basic income and employment. In: Kangas, O.; Jauhiainen, S.; Simanainen, M. und Ylikännö, M. (Hg.): Experimenting with Unconditional Basic Income. Lessons from the Finnish BI Experiment 2017-2018. Cheltenham, UK: Edward Elgar Publishing, S. 62-63.

Andreas Lechner

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