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geschrieben von Andreas Lechner

Banken gelten hierzulande als systemrelevant, weshalb ihnen in der Bankenkrise von 2008 bis 2011 Hilfsgelder von unglaublichen 4,5 Billionen Euro1 ausgestellt wurden – das ist eine Zahl mit 13 Stellen! Doch werden sie ihrem Ruf als unentbehrliche Finanzdienstleister gerecht? Um diese Frage zu beantworten, hilft ein Blick auf die Geschichte der Streiks in diesem Sektor.

In Österreich wird im europäischen Vergleich – dank Sozialpartnern – eigentlich so gut wie nie gestreikt2. Daher kennt man bei uns solche Szenen nicht wie in Paris Anfang 2023, als die Müllabfuhr für 3 Wochen streikte und sich Müllberge in der Stadt der Liebe meterhoch auftürmten. Einen weiteren, für österreichische Verhältnisse, langen Streik gab es letztes Jahr in den USA, dort haben die 3 größten Autohersteller nach einem 6-wöchigen Streik der UAW (Gewerkschaft der Automobilherstellenden) klein beigegeben. Dennoch sind sie relativ kurz im Vergleich zum irischen Megastreik der IOBA (Irish Bank Officials‘ Association), der insgesamt 1 Jahr andauerte – verteilt auf 3 Streikperioden, wovon die längste 6 Monate betrug – und Lohnerhöhung forderte3.

Der Bankenstreik

Ganze 6 Monate am Stück kam also das gesamte Bankensystem der Insel zum Erliegen; 80% der Geldmenge wurde dem Wirtschaftskreislauf entzogen, der Handel am Aktienmarkt schrumpfte um ein Drittel und Immobiliengeschäfte verringerten sich deutlich, da es in diesem Zeitraum selbst auf Eigentumsdokumente, die meist in Banktresoren aufbewahrt wurden, keinen Zugriff gab. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft und den Alltag der Menschen in Irland waren dementsprechend… gering. Sehr gering sogar laut ökonomischer Studie4. Selbst das Wirtschaftswachstum stieg weiterhin an. Banken wurden einfach durch lokale Geschäfte und auf Zigarettenschachteln gekritzelte Schuldscheine ausgetauscht. Vor allem die irischen Pubs konnten bei ihren Stammgästen ohnehin viel besser das Kreditausfallrisiko abschätzen als jede Bank. Durch die Streikdauer zeigt sich also, dass im Gegensatz zu der Pariser Müllabfuhr oder den Automobilherstellenden in der USA, die Bankangestellten weniger systemrelevant waren und eventuell sogar in sogenannten Bullshit-Jobs beschäftigt sind.

Bullshit-Jobs

Dem Ethnologen David Graeber zufolge sind Bullshit-Jobs jene, bei denen die Tätigen die Frage, ob ihre eigene Arbeit sinnvoll ist, mit „Nein“ beantworten. Diesen Begriff definierte der Wirtschaftsprofessor im Laufe einer groß angelegten Befragung in Großbritannien, bei der 37% der Befragten ihm eben dieses „Nein“ als Antwort gaben5. Passend zu unserem Banker-Streik hat einer der Informanten für Graebers Buch von einem Gutachten berichtet, das er einst für eine große Bank durchführte. Er fand, dass von rund 60.000 Angestellten etwa 40.000 leicht abgebaut werden könnten und fügte hinzu, dass viele dieser Menschen nicht einmal eine Ahnung davon hatten, was sie tun. Als er seine Rationalisierungspläne jedoch dem Vorstand präsentierte, wurde ihm rasch die Tür gezeigt. Graeber meinte, es liegt an der schwierigen Vergleichbarkeit von verschiedenen Positionen in großen Organisationen, sodass das Prestige des Führungspersonals und auch das des Unternehmens stark davon abhängt, wie viele Leute unter einem arbeiten. Die 1930 vom angesehenen Ökonomen John Maynard Keynes prophezeite 15-Stunden-Woche für 2030 bleibt laut Graeber daher unrealisiert. Wir haben jede Effizienzsteigerung durch die Ausbreitung solcher Bullshit-Jobs konterkariert. Als Ausweg nennt der Wirtschaftsprofessor das BGE (Bedingungslose Grundeinkommen), da es nicht nur Verwaltung abbaut und viele Jobs überflüssig machen würde, sondern auch die Menschen in eine Situation bringt, in der sie keine Bullshit-Jobs mehr annehmen müssen. Was wohl die irischen Bankangestellten auf Graebers Frage geantwortet hätten, als sie nach dem Streik wieder zur Arbeit gingen – ohne Lohnerhöhung.

Wenn ihr mehr über die Potenziale des BGE wissen wollt, haben wir hier den passenden Blog-Artikel für euch.

 

Andreas Lechner

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