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Free Money in Kenia

veröffentlicht - 10. Oktober 2023
Auszahlung BGE in Kenia an Mutter mit zwei Kindern
geschrieben von Victoria Caic

Die erstaunliche Fähigkeit des BGEs, mit wenig Geld Armut zu verhindern. Denkt man in Ländern wie Österreich oder Deutschland an die Vorteile eines BGEs, fallen einem schnell Aspekte ein, die in erster Linie mit der Selbstverwirklichung des Individuums oder einem Wandel zu einer neuen Arbeitskultur zu tun haben. Welche  Auswirkungen kann aber ein regelmäßiges Einkommen ohne Zwang zur Gegenleistung in Ländern und bei Menschen haben, die jeden Tag um ihr Überleben kämpfen und wenig Zukunftsperspektiven für ihre Kinder sehen?

Das BGE Pilotprojekt in Kenia

Um diese Frage zu beantworten, startete die New Yorker Non-Profit Organisation “GiveDirectly” 2017 ein wissenschaftlich begleitetes Pilotprojekt unter anderem im Dorf Kogutu im ländlichen Kenia. Google beteiligte sich hierbei sogar als Geldgeber, um herauszufinden, ob Hilfe in Form von Geld mehr bringt als Hilfe in Form von Projekten. Bei diesem BGE-Pilotprojekt erhielt jeder registrierte volljährige Einwohner des Dorfes über 12 Jahre hinweg einen monatlichen Betrag von umgerechnet 22 Dollar. Begleitet wurde das Projekt von einem Filmteam unter der Leitung von Sam Soko und Lauren DeFilippo, der Film mit dem Titel “Free Money” wurde gerade auf Netflix (Afrika) veröffentlicht. Das Besondere an dieser Dokumentation ist die gelungene Mischung aus dem Blick auf das Leben der einzelnen Empfänger und den generellen Auswirkungen dieses BGEs auf das ganze Dorf. 

Im Gegensatz zu vielen anderen Pilotprojekten weltweit wurden bei der Umsetzung einige Punkte berücksichtigt, die für eine Beurteilung eines Erfolgs oder Misserfolgs entscheidend sein können: 

  1. Es war ein langfristiges Projekt mit einer Laufzeit von 12 Jahren
  2. Die lange Laufzeit ermöglichte eine vorausschauende Planung
  3. Es fand eine Auszahlung an alle statt und nicht nur - wie bei vielen anderen Experimenten an Erwerbsarbeitslose
  4. Die Auszahlung war nicht ortsgebunden, wodurch das Stammdorf verlassen werden konnte, ohne das BGE zu verlieren

Das ausgewählte Dorf in Kenia hat in den letzten Jahrzehnten mehr als genug Erfahrung mit Entwicklungshilfegeldern und NGOs gemacht, die ihnen auf die eine oder andere Art Hilfe versprachen. Diese Versprechen wurden aber nur bedingt eingelöst, daher ist es nicht verwunderlich, dass sie einem erneuten Versuch eher skeptisch gegenüberstanden. Die Vorstellung, “einfach so” Geld zu bekommen, erregte bei der ersten Verkündung aber mehr als nur Skepsis: Viele Dorfbewohner vermuteten, dass sie dafür entweder ihr Erstgeborenes verkaufen oder ihre Seele dem Teufel opfern müssten. Außerdem fanden sich viele altbekannte Argumente gegen ein  BGE wieder, wie zum Beispiel: “Dann sitzt mein Sohn ja nur noch vor dem Fernseher”. Schlussendlich entschieden sich aber doch nahezu alle Bewohner  dazu, das Geld entgegen zu nehmen. 

Welche Höhe?

Der ausgezahlte Betrag von 22 Dollar pro Monat über 12 Jahre klingt für einen Westeuropäer geradezu lachhaft niedrig, umso beeindruckender ist es, welche Veränderung er im Leben der Personen hervorgerufen hat: Entgegen aller Befürchtungen führte das bedingungslose Geld nicht zu Faulheit, die meisten Bewohner nutzen es, um ihren Kindern schulische Bildung zu ermöglichen, ihre Häuser und Höfe zu renovieren und zu erweitern, oder um ein Geschäftsmodell zu verwirklichen.

Im Laufe des Projekts wurden allerdings auch Probleme deutlich: Das Nachbardorf, welches als Kontrollgruppe kein BGE erhalten hatte, war dem Dorf Kogutu gegenüber nicht gerade wohlgesonnen, was verdeutlicht, dass ein Grundeinkommen auf jeden Fall universell sein muss, wenn die Gesellschaft nicht weiter gespalten werden soll. Sicher ist auch auf jeden Fall, dass ein BGE nicht alle Probleme der Menschen lösen wird: Krankheit, Orientierungslosigkeit und zerplatzte Träume sind auch Thema der Dokumentation. 

Für  weitere Aspekte des Projekts und viele Antworten auf generelle Fragen zum BGE lohnt es sich, die Fragerunde mit den Filmschaffenden anzuschauen. 

Helmo Pape

Victoria Caic

stellvertretende Obfrau
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