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Warum Arbeitszwang die Wirtschaft schädigt.

veröffentlicht - 02. Januar 2024
ein KI erzeugter Setzkasten mit dem Schriftzug AMS
geschrieben von Manuel Blum

In unserem derzeitigen politischen System wird erwartet, dass jeder Mensch, der arbeiten kann, seinen Teil zu unserer Gesellschaft beiträgt. Dies ist einerseits völlig verständlich, andererseits aber auch ein klarer Zwang. Denn aufgrund des per Geburt verteilten Besitzes – oder eben des Mangels eines selbigen – bestehen andere Chancen, das eigene Leben zu gestalten.

Ein reicher Erbe ist aufgrund seines, nicht durch eigene Leistung erworbenen, Vermögens in der Lage ein unglaublich privilegiertes Leben zu führen, ohne die Notwendigkeit jemals einen Finger rühren zu müssen, während ein anderer gezwungen ist sein Leben in Armut und im ständigen Kampf um seine bloße Existenz zu verbringen.

Diese Schieflage wird durch den “Arbeitszwang” noch massiv verstärkt. Wenn jemand genug Geld besitzt, um nicht mittels benötigter Transferleistungen der Allgemeinheit „auf der Tasche zu liegen“, wird von ihm nicht erwartet, dass er etwas zur Gesellschaft beitragen muss. Und dies obwohl klar belegt ist, dass der Lebensstil einer reichen Person ungleich (klima)schädlicher für die Allgemeinheit ist, als eine Hundertschaft sogenannter „Schmarotzer“. Der “Arbeitszwang” ist somit sehr selektiv und im Grunde nur für Personen ohne größerem Vermögen tatsächlich existent und die moralische Argumentation des „auf der Tasche liegens“ somit sehr dünn. Wie Menschen unglaublich innovativ und produktiv sein müssen, um ihr Leben ohne Erwerbseinkommen bestreiten zu können, kann in diversen Dokus gut beobachtet werden. Arm sein ist offenbar harte Arbeit. (zb.: Essen ohne Geld - Die Ernährungskünstler | Die Reportage | NDR - YouTube )


In der politischen Aufgabenstellung des Arbeitsmarktservice spiegelt sich die hegelsche Dialektik in ihrer ur-österreichischen Form wieder: These – Antithese – Prothese. Geboren und geformt von einer pseudo-demokratischen Aufteilung der Republik in Sozialdemokraten und Konservative, wurden die beiden Grundzüge dieser Bewegungen verschmolzen: Sozialarbeit und Leistungserwartung. Man stelle sich nun den Arbeitsalltag der Betreuung im Rahmen des AMS vor:

Einerseits der Status einer Behörde und der Strafandrohung

des Existenzentzugs an seine „Kunden“. Andererseits der Wunsch einer sozialarbeiterischen Unterstützung – die allerdings in ihren Grundzügen sehr paternalistische Strukturen aufweist – eines „Klienten“. Dann der Druck von innen und außen nach Bestrafung der “Schmarotzer” und andererseits die eigene Brandmarkung als drakonische Beamte bei Durchführung dieser Bestrafung oder wahlweise als Sozialromantiker, wenn dies unterlassen wird.

Die Mitarbeiter stehen ständig am Präsentierteller und werden sich über kurz oder lang notgedrungen hinter Paragrafen verstecken müssen, um irgendwie juristisch unbeschadet durch den Tag zu kommen. Hinzu kommt noch die Problematik, dass es sich hier zum Teil um ein äußerst herausforderndes Klientel handelt, wo im Extremfall wirklich auch Leib und Leben bedroht sind. Na da wünschen wir allen Mitarbeitern eine schöne Arbeitswoche...

Bei einer Arbeitslosenquote von unter 4 bzw. 5% spricht die Literatur von Vollbeschäftigung. Ein großer Teil der derzeitigen Langzeitarbeitslosen ist tatsächlich mit gesundheitlichen oder sozialen Problemen konfrontiert, die eine direkte Arbeitsaufnahme oder oft auch nur Umschulung, wenig sinnvoll erscheinen lassen. Gerade das Erlernen neuer Fähigkeiten benötigt einen Rahmen der psychologischen Sicherheit, die seitens des AMS vorsätzlich vorenthalten werden muss.

Menschen permanent in einem klar zur Schau gestellten Abhängigkeitsverhältnis und unter engmaschiger Kontrolle zu halten, ist somit das Gegenteil davon, was in einer Bildungsmaßnahme passieren muss und es sei hier erwähnt, dass in meinen persönlichen Interaktionen mit Mitarbeitern des AMS der gesunde Menschenverstand und der Humanismus überwiegt, allerdings de jure in sehr Enge Grenzen gefasst ist.

In Zeiten des Arbeitskräftemangels ist es aber auch im Interesse der Unternehmen diese Menschen nicht nur (a)sozial ruhig zu stellen und klein zu halten (ohne diesen Vorsatz pauschal zum Vorwurf zu machen), sondern im besten humanistischen Sinne in ihre Kraft zu bringen und sie in die Lage zu versetzen Teilhabe an der Gesellschaft – unter anderem durch einen sinnstiftenden Arbeitsplatz – zu erlangen.

Jedes System wird den einen oder anderen Menschen in der “Hängematte” aushalten müssen,

egal wie drakonisch es auch sein mag. Viel sinnvoller wäre es jedoch, dem aktuellen wissenschaftlichen Konsens zu folgen, was Anreizsysteme und Psychologie betrifft. Die Menschen – wie auch bei der Obdachlosigkeit (Stichwort: „Housing first“) - mit einem „Money first“ zu bedenken wäre sinnvoller und auf dieser wirtschaftlichen Basis mit der Person zu erarbeiten, was sie denn beitragen kann und will. Damit wäre speziell im Zeitalter der Wissensarbeit auch jenen gedient, die in einem Job feststecken und schon lange innerlich gekündigt haben. Mitarbeiter, die nach der Robinson-Methode arbeiten (Montags die Arbeitsposition einnehmen und warten auf Freitag) sind nicht nur wenig produktiv, sondern mögen manchmal sogar wissentlich oder unwissentlich Schaden anrichten.

Bei genauerer Betrachtung werden auch die meisten Arbeitgeber der Meinung sein, dass sie lieber nicht mit Menschen arbeiten wollen, die überall anders lieber wären, als an ihrem Arbeitsplatz.Das Grundeinkommen würde dies menschenwürdig lösen, da es für ein Überleben ausreicht und somit zu einem bewussten “Ja” für einen Arbeitsplatz führen würde. Zumal dies auch finanziell sinnvoll ist, denn nichts ist teurer, als Menschen so lange an den Rand zu drängen, bis sie im Gesundheits-, Justiz- und Sozialsystem dauerhaft hängen bleiben. Erst wenn ein Einkommen zum Auskommen vorhanden ist, kann der Mensch tätig werden – und Wirksamkeit zu erfahren ist ein menschliches Grundbedürfnis, dem nur der mangelnde Entfaltungsspielraum wirklich ein Hindernis darstellt.

Manuel Blum

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